Bündner Wohneigentum

Zeitschrift des Hauseigentümerverbands Graubünden

Ausgabe 119 | November 2022

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Die Verwirklichung vom Traum eines Eigenheims ist mit vielen Entbehrungen verbunden

Die Standespräsidentin des Kantons Graubünden, Aita Zanetti, hat an der Delegiertenversammlung des HEV Graubünden eine bemerkenswerte Rede gehalten, die wir hier publizieren.

«Gerne und mit Freude übermittle ich Ihnen die besten Grüsse seitens des Gros­sen Rates und ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Einladung.

Gemäss Ihren Statuten besteht der Zweck Ihres Verbandes in der Wahrung und Förderung der Interessen der ihm angeschlossenen Haus-, Grund- und Stock­werkeigentümer. Was in einem einfachen und kurzen Satz umschrieben wird, bedeutet für Sie viel Arbeit, ist höchst komplex und anspruchsvoll.

Die Verwirklichung des Traumes des Eigen­heims ist mit vielen Entbehrungen verbunden, mit Verzicht und Risiko.

Dass Sie Ihre Versammlung im Tal des Inns abhalten, freut mich als Engadinerin besonders und ich nehme die Gelegenheit wahr, um Ihnen etwas über das Engadinerhaus zu erzählen oder zu berichten. Typisch für das Engadinerhaus sind die wuchtigen Steinmauern, die oftmals mit der Sgraffito-Technik verziert sind, die tiefen Fensterfluchten, der Erker und die beiden Eingangstore in den Sulèr und den Stall an der Stirnseite. Solid gebaute Häuser, die sich stolz dem Brunnen zuwenden. Befanden sich Wohn- und Ökonomieteil buchstäblich unter einem Dach, so wurden in den letzten 40 Jahren die Tiere der bäuerlichen Bevölkerung samt ihrer Besitzer aus den Dörfern ausgesiedelt. Grosse neue Bauernhöfe sind im besten Falle mit etwas Abstand von der Bauzone gebaut worden, der Wohnteil des Engadinerhauses im Dorf vielleicht noch bewohnt, die Ställe jedoch sind leer.

Die aktuelle Wohnungssituation im Engadin und im Rest des Kantons, die Fragen rund um RPG 1, aber auch rund um die Nutzung von Wohnraum beschäftigen die Gesellschaft, Ihren Verband und Ihre Mitglieder im Besonderen. Die verschiedensten Ansprüche der Gesellschaft treffen dabei aufeinander. Die historisch gewachsenen Dorfkerne beispielsweise sollen wenn möglich geschützt werden, gleichzeitig wird erwartet, dass diese Häuser ganzjährig bewohnt werden. Der Ausbau dieser Gebäude stellt die Eigentümer vor grosse Herausforderungen und vielfach finden sie sich zwischen sich widersprechenden Vorgaben und Zielen und unter einem Berg von Vorschriften wieder.

Die Verwirklichung des Traumes des Eigen­heims ist mit vielen Entbehrungen verbunden, mit Verzicht und Risiko.

Mir geht dabei eine wesentliche Komponente nicht gerade verloren – aber sie kommt meist nicht an erster Stelle der zu berücksichtigenden Punkte. Die Wünsche und Bedürfnisse derjenigen, die die Rechnung schlussendlich bezahlen, nämlich die der Eigentümerinnen und Eigentümer. Sie sollten sich auf die Realisierung ihres Bauvorhabens freuen, sich wohl in den eigenen vier Wänden fühlen, gerne nach Hause kommen – ein Zuhause haben. Denn die Verwirklichung des Traumes des Eigenheims ist mit vielen Entbehrungen verbunden, mit Verzicht und Risiko. Und manchmal beschleicht mich der Eindruck, dass sich Hauseigentümer fast dafür rechtfertigen müssen, dass sie dieses Eigentum besitzen. Dies finde ich persönlich bedauerlich, denn für viele unter Ihnen bedeutet das Hauseigentum in erster Linie finanzielle und moralische Verpflichtung und zeugt von der Verbundenheit zur Scholle. Dieser Aspekt geht wiederum zu oft und zu schnell bei den Diskussionen um den bezahlbaren Wohnraum verloren. Die sogenannten Zweitheimischen sind für unsere Bergdörfer wichtig und kostbar. Sie sind wichtige Partner und Botschafter, Sie unterstützen das einheimische Gewerbe, Sie kaufen vor Ort ein, Sie benützen und finanzieren unsere touristische Infrastruktur und Sie könnten potenzielle Einheimische werden.

Ich habe die Gemeinschaft, la «cumü­nanza» in den Fokus meines Amtsjahres als Standespräsidentin gestellt. Gemeinschaft leben wir in den Städten, Gemeinden, Quartieren und in den Häusern. Auch unsere Gesellschaft lässt sich mit einem Haus vergleichen. Auf solidem Grund und mit handwerklicher Kunst gebaut, strahlt das Haus die Werte der Bewohnenden aus. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollten sich in ihren eigenen Zimmern wohlfühlen, diese nach ihren Bedürfnissen und Wünschen einrichten, die jeweilige Lieblingsmusik hören. Dies bedarf einer gewissen Rücksichtnahme und, wie vieles im Leben, ist das Mass entscheidend. Wie viel Freiheit für den Einzelnen verträgt die Gemeinschaft, wie viel Toleranz ist angebracht und wo stösst sie an Grenzen? Wie viel Raum benötigt der Einzelne von uns, wie viel als Privatsphäre, wie viel als gemeinsam genutzten Raum? Ist es alleinige Aufgabe der öffentlichen Hand, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, oder ist es auch Aufgabe der Wirtschaft? 

Sie sehen, geschätzte Anwesende, die Wahrung und Förderung der Interessen der Haus-, Grund- und Stockwerkeigentümer ist kein Sonntagsspaziergang durch ein schmuckes Engadiner Dorf mit seinen Gassen und Plätzen.

Wie wichtig für die Menschen ein Haus, ein Zuhause ist, zeigen uns die schrecklichen Bilder aus Osteuropa. Diese Menschen haben vielerorts buchstäblich kein Dach mehr über dem Kopf, keine wärmende Stube, keinen Ort der Geborgenheit und Sicherheit. Sie sind schutzlos. Währenddessen fühlen wir uns zwischen den dicken Mauern der Engadiner Häuser beschützt und sicher. Dies ist ein kostbares Gut – gemeinsam, in cumünanza, müssen wir uns für unser gemeinsames Haus, unsere Demokratie einsetzen. 

Ich schliesse mein Grusswort mit einer Hausinschrift aus meinem Heimatdorf. Diese Inschrift befindet sich auf der Fassade eines Hauses, welches nach dem verheerenden Dorfbrand von 1921 wiederaufgebaut wurde und stolz am Dorf­rand steht:

Ve aint pro nus – ami – pür vè Sch’eir dad our’ boff’e strembl’e squassa Qua tschaintast tü sül sgür teis pè Qua stast sün fondamainta schlassa.
Komm rein zu uns – mein Freund – komm rein Auch wenn’s draussen stürmt, bebt und wackelt Auf sicheren Boden setzt du hier deinen Fuss. Hier stehst du auf festem Fundament.»

Aita Zanetti

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