Bündner Wohneigentum

Online-Magazin des Hauseigentümerverbands Graubünden

Ausgabe 125 | Juli 2024

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Gefiederte Gäste in unseren Gärten

In unseren Gärten tummeln sich zahlreiche Vogelarten: Je nach Standort und Beschaffenheit eines Gartens kann die Vielfalt recht gross und interessant sein, wie Vogelkenner Urs Elsenberger erklärt. Gartenbesitzer können mit richtigen Massnahmen viel Positives für die gefiederten Gäste bewirken.

HEV: Wie viele verschiedene Vogelarten leben eigentlich in unseren Gärten?

UE: Das sind wohl gut und gerne ein paar Dutzend verschiedene Arten. Wobei manche Arten den Garten nur zur Nahrungssuche nutzen, ohne dass dieser gleichzeitig als Brutplatz dienen muss. Wie viele Arten wir im eigenen Garten beobachten können, hängt von verschiedenen Faktoren ab, in erster Linie davon, wie naturnah dieser gestaltet ist, aber auch von dessen Grösse und Lage. Ein Garten am Siedlungsrand dürfte tendenziell etwas mehr Arten anlocken als einer in der Innenstadt.

Welche Vögel trifft man vor allem an? Welche selten?

Zu den häufigsten Arten gehören Amsel, Kohl- und Blaumeise, Hausrotschwanz, Haussperling, Bachstelze, Star, Rotkehlchen, Zaunkönig, Mönchsgrasmücke sowie Buch- und Distelfink. Aber auch Kleiber, Buntspecht oder Elster suchen gerne unsere Gärten auf. Wer Glück hat, trifft auch mal auf einen seltenen Gast wie eine Nachtigall oder gar einen Wiedehopf. Ein Garten mit hohen Bäumen, v.a. Nadelhölzern, könnte auch mal eine Waldohreule beherbergen. Und schliesslich ist da noch die Taube auf dem Dach, deren monotones und unablässiges «du-DUU du» mal einen Nachbarn von mir fast in den Wahnsinn trieb …‍

Beobachtet man heute weniger Vogelarten in unseren Gärten als früher?

Es gibt zwar Arten, die sich positiv entwickeln, wie beispielsweise der Distelfink, aber der allgemeine Trend ist negativ. Tendenziell nehmen die Vogelbestände ab, die roten Listen bedrohter Arten werden zusehends länger. Das ist aber kein gartenspezifisches Phänomen, sondern ein allgemeingültiges, leider.

Was sind die Gründe, dass Vogelarten bedroht sind?

Es sind grossteils dieselben Gründe, worunter Tier- und Pflanzenwelt allgemein leiden: Der Verlust des natürlichen Lebensraums, was verschiedene Gründe hat, namentlich die intensive Landwirtschaft, die Siedlungsdichte mit all ihren für die Umwelt negativen Begleiterscheinungen, die eine starke Nutzung, wenn nicht gar Übernutzung der natürlichen Ressourcen mit sich bringt. Bei Vögeln kommt hinzu, dass manche Arten störungsempfindlich sind und deshalb relativ grosse Lebensräume beanspruchen. Letztlich ist der besonders ausgeprägte helvetische Ordnungssinn der Artenvielfalt auch nicht immer zuträglich …

Weshalb ist es von Bedeutung, dass bedrohte Arten nicht aussterben?

Dass Arten bedroht sind und irgendwann aussterben, ist ein natürlicher Prozess, der jedoch unter dem Einfluss des Menschen in beunruhigender Weise beschleunigt ist. Inwieweit diese Entwicklung auch die Menschheit bedroht, vermag ich nicht zu beurteilen. Wenn Pflanzen- oder Tierarten verschwinden, ist das vor allem eins: traurig, ein Verlust.

Was können Gartenbesitzer für die bedrohten Arten tun?

Die können durchaus Positives bewirken, indem sie ihren Garten naturnah gestalten, einheimische Sträucher pflanzen und, wenn es der Boden zulässt, eine Magerwiese unterhalten. Auch das fachgerechte Anlegen eines Asthaufens kann so manch einem Tier wie Igel oder Blindschleiche als Unterschlupf dienen. Schliesslich sollte man die eine oder andere Gartenarbeit nicht zur Unzeit (Brutsaison) ausführen.

Soll man Nisthilfen anbringen?

Sinnvoll ist das Anbringen von Nisthilfen vor allem für Vogelarten, die ohne diese Unterstützung keine oder zu wenige geeignete Nistgelegenheiten finden würden. In Haus und Garten sind Gebäudebrüter wie der Mauersegler zu nennen. Unser Verein (der ornithologische Verein Olten, Anm. d. Red.) fördert diese Art seit vielen Jahren, indem er den Einwohnerinnen und Einwohnern von Olten gratis Nistkästen anbietet und die Leute auch bei der Montage berät. Das bis heute anhaltende Förderprogramm hat die Zahl der hiesigen Mauersegler markant erhöht. Ansonsten kann die Besiedlung eigener Nisthilfen hauptsächlich Auge und Herz erfreuen, als konkretes Artenförderungsprogramm eignen sie sich nur bedingt.

Gibt es dadurch wegen des Vogeldrecks nicht mehr Verunreinigungen und gar Schäden am Haus?

Ein Naturgarten bringt zwangsläufig mehr Leben rund ums Haus. Ob einen das stört, muss jede(r) für sich entscheiden. Meines Erachtens sind solche Bedenken unbegründet. Nicht ganz auszuschliessen sind Schäden an der Hausfassade durch Buntspechte. Wobei nicht alle Fassadentypen gefährdet sein sollen. Betroffene können sich an die Vogelwarte in Sempach oder BirdLife Schweiz wenden. Solche doch eher seltenen Fälle (20 – 50 Meldungen pro Jahr) können übrigens auch bei Leuten ohne Naturgarten auftreten. 

Vögel im Garten – könnte das auch den Vorteil bringen, dass sie die lästigen Mücken fressen …

Obwohl sich viele Vögel von Insekten ernähren, gerade auch Gartenvögel, ist der praktische Nutzen wohl eher gering. Wen die Mücken stören, sollte sich die Sache mit dem Biotop nochmals überlegen.

Wann ist der geeignete Zeitpunkt, um einen Nistkasten anzubringen?

Einen wirklich falschen Zeitpunkt gibt es nicht. Denn nach dem Brüten ist vor dem Brüten. Wichtig ist natürlich, dass der Kasten hängt, bevor das Brutgeschäft beginnt. Bei Standvögeln, welche dieses bereits Anfang März aufnehmen können, sollte die Nisthilfe spätestens im Februar aufgehängt sein, schliesslich will die künftige Unterkunft vorher noch inspiziert werden. Bei Zugvögeln grundsätzlich vor ihrer Rückkehr aus dem Winterquartier. Nicht immer werden Nisthilfen gleich im ersten Jahr angenommen. 

Welche Vögel überwintern hier? Soll man sie füttern, wenn es Schnee hat?

Das Nahrungsangebot bestimmt, wer hierbleibt, wegzieht oder allenfalls herzieht, um bei uns den Winter zu verbringen. Reine Insektenfresser verlassen deshalb die Schweiz, während andere den Verzehr auf Samen, Körner und Beeren umstellen und nicht wegziehen müssen. Dazu gehören Meisen, Finken, Drosseln und Spechte, um die geläufigsten zu nennen. Aufgrund der strengeren Winter in Nord- und Osteuropa sind übrigens Wasservögel während der kalten Jahreszeit besonders zahlreich bei uns vertreten. Allerdings hat sich dieser Trend als Folge des milderen Winters abgeschwächt, nicht nur bei den Wasservögeln. So legen manche Arten weniger weite Strecken zurück oder bleiben gleich «zu Hause», entwickeln sich gar zu Standvögeln. Interessant ist auch, dass manche Vögel ein und derselben Art Zugvögel sind, andere hingegen Standvögel. Zum Beispiel Störche.

Wann soll man Vögel füttern?

Vor allem bei einer kompakten Schneedecke oder bei sehr tiefen Temperaturen, wenn alles gefroren ist. Dann ist die Nahrungssuche erschwert, der Kalorienbedarf besonders hoch. Da am Futterhaus unter den Vögeln Krankheiten übertragen werden können, ist das Füttern an wärmeren Tagen weniger sinnvoll. 

Wann brechen die Zugvögel Richtung Süden auf, wann kommen sie wieder?

Bei uns beginnt der «Herbstzug» schon Ende Juli. Die Mauersegler sind die ersten, die wegziehen. Anfang August folgen dann Schwarzmilan, Pirol und Kuckuck. Der Zug intensiviert sich ab Mitte August und zieht sich über September bis Ende Oktober hin, wenn auch die Stare ihre verhältnismässig kurze Reise Richtung Süden antreten. Nicht wenige Vogelarten können nur während des Durchzugs bei uns beobachtet werden, da sie hier weder brüten noch überwintern. Der Heimzug findet mehr oder weniger in umgekehrter Reihenfolge statt: Die Letzten werden die Ersten sein. Das heisst, die Art, die am spätestens wegzieht, kommt besonders früh im Jahr zurück. Der Grund ist einfach: Sie müssen weniger weit wegziehen, um ein geeignetes Nahrungsangebot aufzufinden. Zu den ausgeprägten Spätheimkehrern zählen Sumpfrohrsänger und Neuntöter. Letzterer überwintert im südlichen Afrika. 

Konnte man Verhaltensänderungen der Vögel wegen des Klimawandels feststellen?

Was mit Sicherheit festgestellt werden konnte, sind die bereits erwähnten Änderungen im Zugverhalten. Ausserdem hat sich die Waldgrenze nach oben verschoben, was dazu führt, dass manche Arten in zunehmend höheren Lagen brüten können, andere wiederum müssen, weil sie oberhalb der Waldgrenze leben. Für solche Vögel, wie beispielsweise das Alpenschneehuhn, hat die Klimaerwärmung negative Folgen, verringert sich doch dadurch ihr Lebensraum. 

Haben die Vögel den Buchsbaumzünsler in ihren Speiseplan aufgenommen?

Ja, da gibt es gute Nachrichten. Während dieser aus China und Japan stammende Schädling sich lange ungehindert durch unsere Buchsbäume fressen konnte, sind inzwischen auch gewisse Vögel auf den Geschmack gekommen. Zu den natürlichen Fressfeinden des Buchsbaumzünslers gehören nun Spatzen, Rotschwänze, Buchfinken, Kohlmeisen sowie Mönchsgrasmücken. Nebst Vögeln tun sich auch bestimmte Wespenarten sowie Spitzmäuse an den Raupen gütlich. 

Wie sind Sie persönlich zum Thema Vögel gekommen? Was fasziniert Sie?

Durch meinen vogelbegeisterten Vater, aber nur indirekt. Als Zehnjähriger schnappte ich mir irgendwann mal eins seiner Bestimmungsbücher. Was ich da drin alles abgebildet und beschrieben sah, hat mich gepackt, den Ärmel hereingezogen. Die bald darauffolgenden Exkursionen zusammen mit meinem Vater öffneten mir eine neue Welt, liessen mich diese in ihrer Vielfalt mit anderen Augen sehen. Mit einer Faszination, die bis heute anhält.

Urs Elsenberger

Präsident des Ornithologischen Vereins Olten

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